(Stutt­gart)  Ers­te Grund­sät­ze für die sog. Abzwei­gung von Kin­der­geld bei behin­der­ten, im Haus­halt ihrer Eltern leben­den Kin­dern, hat der 12. Senat des Finanz­ge­richts Müns­ter in einem soeben ver­öf­fent­lich­ten Urteil vom 25. März 2011 (12 K 1891/10 Kg) auf­ge­stellt.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Anwalts-, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V. (DANSEF) mit Sitz in Stutt­gart unter Hin­weis auf die ent­spe­chen­de Mit­tei­lung des Gerichts vom 29.04.2011.

Zur Zeit prü­fen vie­le Kom­mu­nen, die sog. Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für behin­der­te Kin­der erbrin­gen, ob sie auf das für die­se Kin­der gezahl­te Kin­der­geld zugrei­fen kön­nen bzw. müs­sen. Die aktu­el­le Ent­schei­dung des 12. Sena­tes ist — obwohl natur­ge­mäß von den beson­de­ren Umstän­den des Ein­zel­fal­les geprägt — für Betrof­fe­ne eine wich­ti­ge Ori­en­tie­rungs­hil­fe.

Im Streit­fall ging es um das Kin­der­geld, das eine Mut­ter für ihren voll­jäh­ri­gen, schwerst­be­hin­der­ten Sohn bezieht. Die­ser lebt im Haus­halt sei­ner Eltern und ist an den Werk­ta­gen in einer Behin­der­ten­werk­statt im Arbeits­be­reich tätig. Hier­aus erzielt er ein gerin­ges Werk­statt­ein­kom­men. Sei­ne Eltern erhal­ten Pfle­ge­geld der Pfle­ge­stu­fe III. Die Stadt zahlt an das Kind Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen bei Erwerbs­min­de­rung. Daher war die Kom­mu­ne der Mei­nung, dass das Kin­der­geld an sie — und nicht an die kin­der­geld­be­rech­tig­te Mut­ter — aus­zu­zah­len sei, und zwar unab­hän­gig davon, ob bzw. in wel­cher Höhe die Eltern Auf­wen­dun­gen für das Kind getra­gen haben. Nach­dem die Fami­li­en­kas­se den Abzwei­gungs­an­trag der Stadt abge­lehnt hat­te, klag­te die­se vor dem Finanz­ge­richt Müns­ter. Die in dem Ver­fah­ren als sog. Bei­gela­de­ne betei­lig­te kin­der­geld­be­rech­tig­te Mut­ter ver­wies auf die von ihr getra­ge­nen Auf­wen­dun­gen (z.B. für Arz­nei­mit­tel, Klei­dung, Urlaub etc.) sowie die von ihr erbrach­ten Pfle­ge­leis­tun­gen. Sie war der Mei­nung, eine Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des an die Stadt kom­me nicht in Betracht, da ihre eige­nen Auf­wen­dun­gen deut­lich über dem an sie aus­ge­zahl­ten Kin­der­geld lie­gen.

Der 12. Senat gab der Mut­ter Recht, so Pas­sau, und lehn­te eine Abzwei­gung des Kin­der­gel­des an die Stadt ab.

Das Gericht stell­te klar, dass eine Abzwei­gung an die Kom­mu­ne gem. § 74 Abs. 1 EStG nicht in Betracht kom­me, wenn kin­der­geld­be­rech­tig­te Eltern Auf­wen­dun­gen für ihr Kind tra­gen, die min­des­tens so hoch sind wie das Kin­der­geld. Dabei sei­en — anders als die Stadt mei­ne — nicht nur sol­che Auf­wen­dun­gen zu berück­sich­ti­gen, die den behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf oder das (sozi­al­hil­fe­recht­li­che) Exis­tenz­mi­ni­mum deck­ten.

Das Gericht mach­te deut­lich, dass es bei im Haus­halt der Eltern leben­den, behin­der­ten Kin­dern dar­auf ankom­me, den gesam­ten Lebens­be­darf des Kin­des zu ermit­teln und die­sen den eige­nen Ein­künf­ten und Bezü­gen des Kin­des gegen­über zu stel­len. Nur wenn sich hier eine Deckungs­lü­cke erge­be, sei hin­rei­chend nach­voll­zieh­bar, dass der inso­weit bestehen­de Lebens­be­darf des Kin­des aus dem “gemein­sa­men Topf”, in den das Ein­kom­men der Eltern geflos­sen sei, gedeckt wur­de.

Das Gericht stell­te zudem klar, dass die Berück­sich­ti­gung fik­ti­ver Kin­der­be­treu­ungs­kos­ten aus­ge­schlos­sen sei. Auf­wen­dun­gen z.B. für Ernäh­rung, Kör­per- und Gesund­heits­pfle­ge, Beklei­dung, Haus­rat, Frei­zeit oder Urlaub sei­en von den Eltern zu bezif­fern und auch glaub­haft zu machen. Dabei gel­te grund­sätz­lich das Monats­prin­zip; abwei­chend kom­me aller­dings auch eine gleich­mä­ßi­ge Ver­tei­lung von Auf­wen­dun­gen auf das Jahr oder gar auf meh­re­re Jah­re in Betracht, wenn es um regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Auf­wen­dun­gen gehe.

In Bezug auf den Betreu­ungs- und Pfle­ge­auf­wand von kin­der­geld­be­rech­tig­ten Eltern spricht nach Auf­fas­sung des 12. Sena­tes grund­sätz­lich eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung dafür, dass das Pfle­ge­geld ins­ge­samt für die Sicher­stel­lung der häus­li­chen Pfle­ge ver­wen­det wird. Das Pfle­ge­geld ste­he dem­nach — so das Gericht — nicht für die Bestrei­tung des Grund­be­darfs oder eines ander­wei­ti­gen behin­de­rungs­be­ding­ten Bedarfs des Kin­des zur Ver­fü­gung. Aller­dings müss­ten kin­der­geld­be­rech­tig­te Eltern, die einen höhe­ren — über dem Pfle­ge­geld lie­gen­den — Betreu­ungs- und Pfle­ge­auf­wand gel­tend mach­ten, die­sen kon­kret dar­le­gen.

Pas­sau emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. recht­li­chen und/oder steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf die DANSEF Deut­sche Anwalts-, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung  für Erb- und Fami­li­en­recht e. V —  www.dansef.de — ver­wies.

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