(Stutt­gart) Der Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat soeben ent­schie­den, dass die Rege­lung zum stu­di­en­dau­er­ab­hän­gi­gen Tei­ler­lass der BAföG-Rück­zah­lung teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig ist.

 Dar­auf ver­weist der Nürn­ber­ger Fach­an­walt für Fami­li­en­recht Mar­tin Weis­pfen­ning, Vize­prä­si­dent und Geschäfts­füh­rer „Fami­li­en­recht” der Deut­schen Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis die Mit­tei­lung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 29. Juli 2011 zum Beschluss vom 21. Juni 2011 — 1 BvR 2035/07.

Die bedürf­tig­keits­ab­hän­gi­ge Aus­bil­dungs­för­de­rung nach dem BAföG wird bei Uni­ver­si­täts­stu­di­en­gän­gen für eine För­de­rungs­höchst­dau­er zur Hälf­te als unver­zins­li­ches Dar­le­hen erbracht. Nach § 18b BAföG kann das Dar­le­hen bei erfolg­rei­chem Stu­di­en­ab­schluss teil­wei­se erlas­sen wer­den. Neben einem leis­tungs­ab­hän­gi­gen Tei­ler­lass kommt ein stu­di­en­dau­er­ab­hän­gi­ger Tei­ler­lass in Betracht. In der hier maß­geb­li­chen Fas­sung des § 18b Abs. 3 BAföG vom 22. Mai 1990 wer­den dem Stu­die­ren­den 5.000 DM des Dar­le­hens erlas­sen, wenn er sein Stu­di­um vier Mona­te vor Ablauf der För­de­rungs­höchst­dau­er erfolg­reich been­det (gro­ßer Tei­ler­lass); beträgt der Zeit­raum nur zwei Mona­te, wer­den 2.000 DM erlas­sen (klei­ner Tei­ler­lass). 

Das ärzt­li­che Berufs­recht sieht seit den 1970er Jah­ren eine zur Erlan­gung der Appro­ba­ti­on als Arzt erfor­der­li­che Min­dest­stu­di­en­zeit von sechs Jah­ren vor. Die Regel­stu­di­en­zeit beträgt im Stu­di­en­gang Human­me­di­zin sechs Jah­re und drei Mona­te und setzt sich aus der Min­dest­stu­di­en­zeit und der für die Able­gung der letz­ten Prü­fung not­wen­di­gen Zeit von maxi­mal drei Mona­ten zusam­men. Die zunächst in der För­de­rungs­höchst­dau­er­ver­ord­nung für die ein­zel­nen Stu­di­en­gän­ge gere­gel­te För­de­rungs­höchst­dau­er wur­de seit Mit­te der 1980er Jah­re nach und nach der Regel­stu­di­en­zeit ange­gli­chen. Wäh­rend die För­de­rungs­höchst­dau­er im Stu­di­en­gang Human­me­di­zin seit 1986 drei­zehn Semes­ter betra­gen hat­te, wur­de sie für alle Stu­di­en­gän­ge in den neu­en Bun­des­län­dern bereits seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung zum 1. Janu­ar 1991 nach der Regel­stu­di­en­zeit bemes­sen. Dadurch war es den Stu­die­ren­den der Human­me­di­zin in den neu­en Län­dern von vorn­her­ein unmög­lich, einen gro­ßen Tei­ler­lass zu errei­chen, da sie eine Min­dest­stu­di­en­zeit von zwölf Semes­tern zu absol­vie­ren hat­ten und des­halb ihr Stu­di­um nicht vier Mona­te vor Ende der För­de­rungs­höchst­dau­er von sechs Jah­ren und drei Mona­ten abschlie­ßen konn­ten. Die Ver­kür­zung der För­de­rungs­höchst­dau­er galt eben­so für Stu­die­ren­de der Human­me­di­zin, die ab dem Som­mer­se­mes­ter 1993 ihr Stu­di­um in den alten Län­dern auf­ge­nom­men hat­ten. Wer aller­dings — wie bei einem Stu­di­en­be­ginn im Win­ter­se­mes­ter 1992/93 oder frü­her — sein vier­tes Fach­se­mes­ter am 1. Okto­ber 1994 in den alten Län­dern voll­endet hat­te, konn­te den gro­ßen Tei­ler­lass errei­chen, weil für ihn nach einer Über­gangs­re­ge­lung noch die alte För­de­rungs­höchst­dau­er von drei­zehn Semes­tern galt. 

Der Beschwer­de­füh­rer begann im Win­ter­se­mes­ter 1991/92 in den neu­en Bun­des­län­dern sein Medi­zin­stu­di­um, das er im ers­ten Monat nach dem Ende des 12. Semes­ters erfolg­reich abschloss. Wäh­rend des Stu­di­ums erhielt er Aus­bil­dungs­för­de­rung nach dem BAföG. Das Bun­des­ver­wal­tungs­amt leg­te im Ver­fah­ren zur Fest­set­zung der Dar­le­hens­rück­zah­lung unter Zugrun­de­le­gung der För­de­rungs­höchst­dau­er von sechs Jah­ren und drei Mona­ten deren Ende auf den Monat Dezem­ber 1997 fest und gewähr­te dem Beschwer­de­füh­rer ledig­lich einen klei­nen Tei­ler­lass, da er das Stu­di­um nur zwei Mona­te vor dem Ende der För­de­rungs­höchst­dau­er abge­schlos­sen habe. Sei­ne im Wesent­li­chen gegen die Ver­sa­gung des gro­ßen Tei­ler­las­ses gerich­te­ten Kla­gen blie­ben vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten ohne Erfolg. 

Der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat ent­schie­den, dass § 18b Abs. 3 Satz 1 BAföG sowohl in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung als auch in den nach­fol­gen­den Fas­sun­gen mit dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) unver­ein­bar ist, soweit es danach Stu­die­ren­den wegen Rechts­vor­schrif­ten zur Min­dest­stu­di­en­zeit einer­seits und zur För­de­rungs­höchst­dau­er ande­rer­seits objek­tiv unmög­lich ist, einen gro­ßen Tei­ler­lass zu erhal­ten. In die­sem Umfang dür­fen die Gerich­te und Ver­wal­tungs­be­hör­den die Vor­schrift nicht mehr anwen­den. Der Gesetz­ge­ber hat bis zum 31. Dezem­ber 2011 für alle betrof­fe­nen Stu­die­ren­den, deren Ver­wal­tungs- oder Gerichts­ver­fah­ren über die Gewäh­rung eines gro­ßen Tei­ler­las­ses noch nicht bestands- oder rechts­kräf­tig abge­schlos­sen sind, eine gleich­heits­ge­rech­te Neu­re­ge­lung zu tref­fen. Des Wei­te­ren hat der Senat die zur Ver­sa­gung des gro­ßen Tei­ler­las­ses ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen der Ver­wal­tungs­ge­rich­te auf­ge­ho­ben, weil sie — wie die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­am­tes — den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 GG ver­let­zen, und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das erst­in­stanz­li­che Ver­wal­tungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen. 

•·               Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zugrun­de:

1. Der Beschwer­de­füh­rer wird durch § 18b Abs. 3 Satz 1 BAföG in Ver­bin­dung mit den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten zur För­de­rungs­höchst­dau­er einer­seits und zur Min­dest­stu­di­en­zeit ande­rer­seits sowie durch die dar­aus fol­gen­de Ver­sa­gung eines gro­ßen Tei­ler­las­ses in sei­nem Grund­recht auf Gleich­be­hand­lung ver­letzt, weil es ihm als Stu­die­ren­dem der Human­me­di­zin in den neu­en Län­dern von vorn­her­ein objek­tiv unmög­lich war, in den Genuss eines gro­ßen Tei­ler­las­ses zu kom­men. 

Zum einen wird er gegen­über den Stu­die­ren­den der Human­me­di­zin ungleich behan­delt, die im Win­ter­se­mes­ter 1992/1993 oder frü­her ihr Stu­di­um in den alten Län­dern auf­ge­nom­men und im Som­mer­se­mes­ter 1994 ihr vier­tes Fach­se­mes­ter voll­endet haben, weil für die­se eine För­de­rungs­höchst­dau­er von drei­zehn Semes­tern galt und sie damit bei einem Abschluss des Stu­di­ums vor Ablauf des zwei­ten Monats nach Ende der Min­dest­stu­di­en­zeit einen gro­ßen Tei­ler­lass erhal­ten konn­ten. Zum ande­ren liegt eine Ungleich­be­hand­lung gegen­über Stu­die­ren­den ande­rer Stu­di­en­gän­ge vor, in denen ent­we­der gar kei­ne Min­dest­stu­di­en­zeit gilt oder Min­dest­stu­di­en­zeit und För­de­rungs­höchst­dau­er so bemes­sen sind, dass ein Abschluss des Stu­di­ums vier Mona­te vor dem Ende der För­de­rungs­höchst­dau­er mög­lich bleibt. 

Die­se Ungleich­be­hand­lun­gen sind nicht gerecht­fer­tigt. Zwar steht dem Gesetz­ge­ber bei der Gewäh­rung von Leis­tun­gen ein Spiel­raum zu; ins­be­son­de­re zur Bewäl­ti­gung der deut­schen Ein­heit darf er auch mit Här­ten ver­bun­de­ne Rege­lun­gen tref­fen. Es ist jedoch kein Grund dafür ersicht­lich, den Stu­die­ren­den der Human­me­di­zin in den neu­en Län­dern die Begüns­ti­gung eines gro­ßen Tei­ler­las­ses von vorn­her­ein zu ver­sa­gen, wäh­rend sie Medi­zin­stu­den­ten in den alten Län­dern nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung noch über­gangs­wei­se offen stand. Der Zweck des § 18b Abs. 3 Satz 1 BAföG, Anrei­ze für einen mög­lichst raschen Stu­di­en­ab­schluss zu set­zen, besteht gegen­über Stu­die­ren­den der Human­me­di­zin in den neu­en Län­dern eben­so wie in den alten Län­dern. 

Auch die Befug­nis des Gesetz­ge­bers, bei der Ord­nung von Mas­sen­er­schei­nun­gen typi­sie­ren­de und pau­scha­lie­ren­de Rege­lun­gen zu tref­fen, ver­mag die oben genann­ten Ungleich­be­hand­lun­gen nicht zu recht­fer­ti­gen. Die unzu­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung gesetz­li­cher Min­dest­stu­di­en­zei­ten und ihres Ver­hält­nis­ses zur För­de­rungs­höchst­dau­er kann gesam­te Stu­di­en­gän­ge und damit eine gro­ße Anzahl von Stu­die­ren­den von der Mög­lich­keit eines gro­ßen Tei­ler­las­ses aus­schlie­ßen. Die­ser Aus­schluss ist ohne unzu­mut­ba­ren Auf­wand ver­meid­bar, indem die Regeln über Tei­ler­lass, För­de­rungs­höchst­dau­er und Min­dest­stu­di­en­zeit auf­ein­an­der abge­stimmt wer­den. Er ist daher nicht aus ver­wal­tungs­prak­ti­schen oder sons­ti­gen Grün­den sach­lich gebo­ten, son­dern hat sei­ne Ursa­che allein in einem struk­tu­rel­len Feh­ler der Geset­zes­kon­zep­ti­on. 

Die Benach­tei­li­gung gegen­über Stu­die­ren­den ande­rer Stu­di­en­gän­ge ist nicht durch ande­re Sach­grün­de gerecht­fer­tigt. Dass sich der Stu­di­en­gang Human­me­di­zin durch die höchs­te För­de­rungs­höchst­dau­er von allen uni­ver­si­tä­ren Stu­di­en­gän­gen aus­zeich­net, ist dem Umfang des Stu­di­ums und der gesetz­lich bestimm­ten und auch euro­pa­recht­lich vor­ge­ge­be­nen Min­dest­stu­di­en­zeit geschul­det. Ein trag­fä­hi­ger Sach­grund, Stu­die­ren­den einen gro­ßen Tei­ler­lass des­halb zu ver­sa­gen, weil sie sich für ein umfang­rei­ches Stu­di­um ent­schie­den haben, exis­tiert nicht. Viel­mehr besteht aus Sicht der Geför­der­ten bei lan­ger Stu­di­en und För­de­rungs­dau­er sogar ein grö­ße­res Bedürf­nis für einen gro­ßen Tei­ler­lass, da die zurück­zu­zah­len­de Dar­le­hens­sum­me in der Regel höher aus­fällt als bei kür­ze­ren Stu­di­en­gän­gen. 

2. Die Ver­let­zung des Grund­rechts auf Gleich­be­hand­lung betrifft nicht nur Stu­die­ren­de der Human­me­di­zin in den neu­en Län­dern, son­dern liegt auch bei Stu­die­ren­den der Human­me­di­zin in den alten Län­dern ab Som­mer­se­mes­ter 1993 gegen­über sol­chen Stu­di­en­gän­gen vor, die die Vor­aus­set­zun­gen des gro­ßen Tei­ler­las­ses nach Maß­ga­be der für sie gel­ten­den Min­dest­stu­di­en­zei­ten und För­de­rungs­höchst­dau­er grund­sätz­lich erfül­len kön­nen. Ein ent­spre­chen­der Gleich­heits­ver­stoß betrifft fer­ner alle ande­ren Stu­di­en­gän­ge, in denen Min­dest­stu­di­en­zei­ten vor­ge­schrie­ben sind und eine För­de­rungs­höchst­dau­er gilt, die um weni­ger als vier Mona­te über der Min­dest­stu­di­en­zeit liegt. Die vom Gesetz­ge­ber zu tref­fen­de Neu­re­ge­lung muss rück­wir­kend unab­hän­gig vom Zeit­punkt des Stu­di­en­ab­schlus­ses alle noch nicht bestands- oder rechts­kräf­tig abge­schlos­se­nen Ver­wal­tungs- und Gerichts­ver­fah­ren erfas­sen, die die Gewäh­rung eines gro­ßen Tei­ler­las­ses zum Gegen-stand haben und einen Stu­di­en­gang betref­fen, in dem wegen diver­gie­ren­der Rechts­vor­schrif­ten zu Min­dest­stu­di­en­zei­ten und zur För­de­rungs­höchst­dau­er die Vor­aus­set­zun­gen des § 18b Abs. 3 Satz 1 BAföG von vorn­her­ein nicht erfüll­bar waren.

Weis­pfen­ning emp­fahl, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fäl­len Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. auch auf die bun­des­weit mehr als 700 auf Erbrecht, Erb­schaft­steu­er­recht und Schei­dungs­recht spe­zia­li­sier­ten Rechts­an­wäl­te und Steu­er­be­ra­ter der DANSEF Deut­sche Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V., www.dansef.de ver­wies. 

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Mar­tin Weis­pfen­ning
Rechtsanwalt/Fachanwalt für Fami­li­en­recht
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