(Stutt­gart) Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in einem am 17. Mai 2011 ver­öf­fent­lich­ten Beschluss ent­schie­den, dass die Nicht­be­rück­sich­ti­gung von Mut­ter­schutz­zei­ten bei der betrieb­li­chen Zusatz­ver­sor­gung der VBL ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Dar­auf ver­weist der Nürn­ber­ger Fach­an­walt für Fami­li­en­recht Mar­tin Weis­pfen­ning, Vize­prä­si­dent und Geschäfts­füh­rer „Fami­li­en­recht” der Deut­schen Anwalts-, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf eine Mit­tei­lung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 17.05.2011 zum Beschluss vom 28. April 2011, Az.: 1 BvR 1409/10.

Die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der (VBL) ist eine Zusatz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung für Beschäf­tig­te des öffent­li­chen Diens­tes und hat die Auf­ga­be, den Arbeit­neh­mern der an der VBL betei­lig­ten Arbeit­ge­ber im Wege pri­vat­recht­li­cher Ver­si­che­rung eine Alters-, Erwerbs­min­de­rungs- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu gewäh­ren. Die­se ergänzt die Ren­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Das Sys­tem der Zusatz­ver­sor­gung der VBL wird durch die Sat­zung der VBL näher aus­ge­stal­tet.

Nach der bis zum 31. Dezem­ber 2000 gel­ten­den Rechts­la­ge hat­te Anspruch auf eine betrieb­li­che Ver­sor­gungs- bzw. Ver­si­che­rungs­ren­te nur ein Arbeit­neh­mer, der eine War­te­zeit von 60 sog. Umla­ge­mo­na­ten erfüll­te. Als Umla­ge­mo­nat galt ein Kalen­der­mo­nat, für den der Arbeit­ge­ber eine Umla­ge für min­des­tens einen Tag für lau­fen­des zusatz­ver­sor­gungs­pflich­ti­ges Ent­gelt ent­rich­tet, d. h. nach der Defi­ni­ti­on in der VBL-Sat­zung der Arbeit­neh­mer steu­er­pflich­ti­gen Arbeits­lohn bezo­gen hat. Da das Mut­ter­schafts­geld steu­er­frei gestellt ist, wur­den nach der alten Rechts­la­ge für die Mut­ter­schutz­zei­ten kei­ne Umla­gen durch den Arbeit­ge­ber gezahlt, mit der Fol­ge, dass die Zei­ten des Mut­ter­schut­zes bei der War­te­zeit­be­rech­nung kei­ne Berück­sich­ti­gung fan­den. Dage­gen wur­den nach einer spe­zi­el­len Anrech­nungs­re­gel der Sat­zung sämt­li­che Krank­heits­zei­ten, in denen ein Arbeit­neh­mer gesetz­li­che Lohn­fort­zah­lung oder einen Kran­ken­geld­zu­schuss nach den tarif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen des öffent­li­chen Diens­tes erhal­ten hat, als Umla­ge­zei­ten berück­sich­tigt.

Die Beschwer­de­füh­re­rin war als Beschäf­tig­te des öffent­li­chen Diens­tes über ihren Arbeit­ge­ber bei der VBL ver­si­chert und befand sich im Jah­re 1988 für rund drei Mona­te im gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Mut­ter­schutz. Die VBL lehn­te in ihrem Fall einen Anspruch auf Betriebs­ren­te mit der Begrün­dung ab, dass sie ins­ge­samt nur 59 Umla­ge­mo­na­te ange­sam­melt und damit die War­te­zeit nicht erreicht habe. Ihre Mut­ter­schutz­zei­ten könn­ten nicht als umla­ge­fä­hi­ge Zei­ten ange­rech­net wer­den. Die dar­auf­hin von der Beschwer­de­füh­re­rin erho­be­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung, dass die VBL die Mut­ter­schutz­zei­ten zu berück­sich­ti­gen habe, blieb vor dem Amts­ge­richt und in der Beru­fungs­in­stanz vor dem Land­ge­richt ohne Erfolg.

Die 3. Kam­mer des Ers­ten Senats der Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat ent­schie­den, so Weis­pfen­ning, dass die mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­foch­te­nen Urtei­le gegen das Ver­bot der geschlechts­be­zo­ge­nen Dis­kri­mi­nie­rung aus Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG ver­sto­ßen. Das Urteil des Land­ge­richts ist auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung dort­hin zurück­ver­wie­sen wor­den.

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zugrun­de: 

Die VBL nimmt als Anstalt des öffent­li­chen Rechts eine öffent­li­che Auf­ga­be wahr. Ihre Sat­zung ist daher an die Beach­tung des Gleich­heits­grund­rechts gebun­den. Die in der Sat­zung gere­gel­te Nicht­an­rech­nung von Mut­ter­schutz­zei­ten als Umla­ge­mo­na­te für die Zusatz­ver­sor­gung der VBL sta­tu­iert eine Ungleich­be­hand­lung von Müt­tern in zwei­fa­cher Hin­sicht. Zum einen wer­den Frau­en mit Mut­ter­schutz­zei­ten gegen­über männ­li­chen Arbeit­neh­mern ungleich behan­delt, da deren Erwerbs­bio­gra­fi­en im öffent­li­chen Ange­stell­ten­ver­hält­nis nicht durch die gesetz­lich zwin­gend vor­ge­schrie­be­nen Mut­ter­schutz­zei­ten unter­bro­chen wur­den und auch nicht wer­den. Zum zwei­ten liegt eine Ungleich­be­hand­lung von Frau­en in Mut­ter­schutz hier auch gegen­über den­je­ni­gen männ­li­chen und weib­li­chen Ver­si­cher­ten vor, die Kran­ken­geld und einen Kran­ken­geld­zu­schuss des Arbeit­ge­bers erhal­ten. Da der Arbeit­ge­ber in den Zei­ten der Lohn­fort­zah­lung sowie des Bezugs eines Kran­ken­geld­zu­schus­ses auch Umla­gen ent­rich­tet, wer­den die Krank­heits­zei­ten bei der Berech­nung der Zusatz­ver­sor­gungs­ren­te voll als umla­ge­fä­hi­ge Mona­te ange­rech­net. Für den Mut­ter­schutz fin­det sich kei­ne ent­spre­chen­de Regel. 

Die­se Ungleich­be­hand­lung knüpft an das Geschlecht an. Sie ist nicht durch zwin­gen­de Grün­de gerecht­fer­tigt. Zwar ver­folgt der Gesetz­ge­ber mit der Frei­stel­lung der Arbeit­ge­ber von der Umla­ge für Mut­ter­schutz­zei­ten das ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­ge­be­ne Ziel einer tat­säch­li­chen Gleich­stel­lung. Den Arbeit­ge­bern soll der Anreiz, Frau­en im gebär­fä­hi­gen Alter nicht zu beschäf­ti­gen, genom­men wer­den. Die­se Sys­tement­schei­dung darf aber nicht über dar­an anknüp­fen­de Rege­lun­gen wie die der Sat­zung der VBL zu Las­ten von Müt­tern gehen. Der dem Gesetz­ge­ber eben­so wie der VBL ein­ge­räum­te Spiel­raum bei der Ver­tei­lung der Las­ten des Mut­ter­schut­zes recht­fer­tigt kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung von Müt­tern durch die Hin­ter­tür. Es sind auch sonst kei­ne sach­li­chen Grün­de erkenn­bar, die eine Benach­tei­li­gung von Müt­tern recht­fer­ti­gen könn­ten. 

Der Ver­stoß gegen das geschlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­bot führt dazu, dass die Beschwer­de­füh­re­rin eine Anrech­nung ihrer Mut­ter­schutz­zei­ten auf die War­te­zeit im Rah­men der betrieb­li­chen Zusatz­ver­sor­gung der VBL ver­lan­gen kann. Denn eine Gleich­be­hand­lung von Ver­si­cher­ten, die wäh­rend ihrer Ver­si­che­rungs­zei­ten Mut­ter­schutz in Anspruch genom­men haben, und den­je­ni­gen, für die wäh­rend ihrer Krank­heit von ihren Arbeit­ge­bern Umla­gen ent­rich­tet wor­den sind, lässt sich nach­träg­lich nur dadurch errei­chen, dass die Mut­ter­schutz­zei­ten als Umla­ge­zei­ten berück­sich­tigt wer­den. 

Weis­pfen­ning emp­fahl, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fäl­len Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. auch auf die bun­des­weit mehr als 700 auf Erbrecht, Erb­schaft­steu­er­recht und Schei­dungs­recht spe­zia­li­sier­ten Rechts­an­wäl­te und Steu­er­be­ra­ter der DANSEF Deut­sche Anwalts-, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V., www.dansef.de ver­wies. 

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Mar­tin Weis­pfen­ning
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