(Stutt­gart) In einem soeben ver­öf­fent­lich­ten Beschluss hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass die Hin­zu­rech­nung des Kin­der­gel­des zur Steu­er­schuld auch bei Nicht­an­rech­nung auf den Unter­halt mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist.  

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V. (DANSEF) mit Sitz in Stutt­gart unter Hin­weis auf das am 03.11..2009 ver­öf­fent­lich­te Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 13. Okto­ber 2009, Az.: 2 BvL 3/05.

Die mit dem Unter­halt und der Betreu­ung von Kin­dern ver­bun­de­nen Belas­tun­gen der Eltern wer­den durch steu­er­li­che Frei­be­trä­ge und durch die Zah­lung von Kin­der­geld aus­ge­gli­chen. Für den hier zu betrach­ten­den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2001 maß­geb­lich sind die Bestim­mun­gen des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes in der Fas­sung des Geset­zes zur Fami­li­en­för­de­rung vom 22. Dezem­ber 1999. Danach wird die steu­er­li­che Frei­stel­lung in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des ein­schließ­lich des Betreu­ungs­be­darfs durch die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG oder durch das monat­lich als Steu­er­ver­gü­tung gezahl­te Kin­der­geld bewirkt. Die Frei­be­trä­ge wer­den nur dann vom Ein­kom­men des Steu­er­pflich­ti­gen abge­zo­gen, wenn die gebo­te­ne steu­er­li­che Frei­stel­lung nicht bereits durch das monat­lich gezahl­te Kin­der­geld bewirkt wird („Güns­ti­ger­prü­fung”).

Sind bei der steu­er­li­chen Ver­an­la­gung die Frei­be­trä­ge abzu­zie­hen, wird das gezahl­te Kin­der­geld der tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er hin­zu­ge­rech­net. Nicht steu­er­lich zusam­men­ver­an­lag­ten Eltern ste­hen die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG jeweils zur Hälf­te zu. Da das Kin­der­geld nur einem Berech­tig­ten — wie im Aus­gangs­ver­fah­ren meist dem betreu­ungs­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil — aus­ge­zahlt wird (§ 64 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 EStG), steht für die steu­er­li­che Hin­zu­rech­nung ein zivil­recht­li­cher Aus­gleichs­an­spruch dem Erhalt von Kin­der­geld gleich (§ 31 Satz 5 EStG).

Nach den im Ver­an­la­gungs­zeit­raum gel­ten­den unter­halts­recht­li­chen Vor­schrif­ten war gemäß § 1612b Abs. 1 BGB das auf das Kind ent­fal­len­de Kin­der­geld zur Hälf­te auf den Unter­halt anzu­rech­nen, wenn es nicht an den bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil aus­ge­zahlt wur­de. Gemäß § 1612b Abs. 5 BGB unter­blieb die Anrech­nung des Kin­der­gel­des auf den Unter­halt aber, soweit der Unter­halts­pflich­ti­ge außer­stan­de war, Unter­halt in Höhe von 135 Pro­zent des Regel­be­tra­ges nach der Regel­be­trag-Ver­ord­nung zu leis­ten (sog. Man­gel­fall).

Der VIII. Senat des Bun­des­fi­nanz­hofs sah sich in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren gegen die Fest­set­zung der Ein­kom­mens­steu­er eines geschie­de­nen Ehe­gat­ten, der für sei­ne nicht in sei­nem Haus­halt leben­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der bar­un­ter­halts­pflich­tig ist, an einer Ent­schei­dung gehin­dert und hat dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge  zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob in unter­halts­recht­li­chen Man­gel­fäl­len die Hin­zu­rech­nung des Kin­der­gel­des zur Ein­kom­men­steu­er gemäß § 31 Satz 5 in Ver­bin­dung mit § 36 Abs. 2 Satz 1 EStG gegen das Grund­ge­setz ver­sto­ße,

Der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat ent­schie­den, so Pas­sau, dass § 31 Satz 5 und § 36 Abs. 2 Satz 1 EStG mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sind, auch soweit Steu­er­pflich­ti­ge von der Rege­lung des § 1612b Abs. 5 BGB betrof­fen sind (zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit die­ser Vor­schrift vgl. Beschluss des Ers­ten Senats vom 9. April 2003 — 1 BvL 1/01, 1 BvR 1749/01 — BVerfGE 108, 52 <70>; Pres­se­mit­tei­lung Nr. 64/2003 vom 05. August 2003).

Mit dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot der steu­er­li­chen Ver­scho­nung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner unter­halts­be­rech­tig­ten Fami­lie und dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ist ver­ein­bar, dass die um die Frei­be­trä­ge ver­min­der­te Ein­kom­men­steu­er auch bei den Steu­er­pflich­ti­gen um die Hälf­te des gezahl­ten Kin­der­gel­des erhöht wird, die nicht in der Lage sind, Unter­halt in Höhe von 135 Pro­zent des Regel­be­trags nach der Regel­be­trag-Ver­ord­nung zu leis­ten. Die Ent­schei­dung ist mit 7:1 Stim­men ergan­gen.

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de:

Die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Ver­scho­nung des kind­be­ding­ten Exis­tenz­mi­ni­mums wird in — hier allein zu betrach­ten­den — Fäl­len wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens dadurch bewirkt, dass das Ein­kom­men des Steu­er­pflich­ti­gen um die Frei­be­trä­ge gemäß § 32 Abs. 6 EStG ver­min­dert wird. Der Gesetz­ge­ber hat sich damit für eine ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­si­ge gene­ra­li­sie­ren­de Rege­lung ent­schie­den, mit der die exis­tenz­not­wen­di­gen Min­dest­auf­wen­dun­gen für Kin­des­un­ter­halt bei allen Steu­er­pflich­ti­gen in glei­cher Wei­se in der steu­er­li­chen Bemes­sungs­grund­la­ge berück­sich­tigt wer­den. Das dem Steu­er­pflich­ti­gen als monat­lich gezahl­te Steu­er­ver­gü­tung (§ 31 Satz 3 EStG) zuge­flos­se­ne Kin­der­geld ist zur Ver­mei­dung dop­pel­ter Berück­sich­ti­gung des Kin­des­exis­tenz­mi­ni­mums zurück­zu­ge­wäh­ren, indem es zur tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er hin­zu­ge­rech­net wird (§ 31 Satz 5 EStG).

Ent­spre­chend dem erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers fließt das Kin­der­geld dem bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil auch in den Fäl­len zu, in denen eine Anrech­nung des Kin­der­gel­des auf den Bar­un­ter­halt nach § 1612b Abs. 5 BGB ganz oder teil­wei­se unter­blie­ben ist, weil es vor­ran­gig zur Auf­fül­lung des Kin­des­un­ter­halts zu ver­wen­den war (sog. Man­gel­fall).

Ein gemäß § 31 Satz 5 EStG aus­zu­glei­chen­der Zufluss des Kin­des­gel­des ist nicht nur dann anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge über das Kin­der­geld, das ihm für ein Kind zusteht, belie­big ver­fü­gen kann. Da den Eltern Kin­der­geld vor allem zuguns­ten des Kin­des für des­sen säch­li­ches Exis­tenz­mi­ni­mum sowie für sei­nen Betreu­ungs- und Erzie­hungs- oder Aus­bil­dungs­be­darf gezahlt wird, trifft die Rege­lung des § 1612b Abs. 5 BGB eine Zweck­be­stim­mung für die Ver­wen­dung des Kin­der­gel­des. Hin­ter die­ser Aus­ge­stal­tung steht die mate­ri­el­le Ver­pflich­tung des Bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen, im Man­gel­fall den gemäß § 1612a Abs. 1, § 1612b Abs. 1 BGB geschul­de­ten Unter­halt auf das Bar­exis­tenz­mi­ni­mum (135 Pro­zent des Regel­sat­zes nach der Regel­satz-Ver­ord­nung) auf­zu­sto­cken. Inso­fern stellt sich die Rege­lung wirt­schaft­lich als Erhö­hung der Unter­halts­ver­pflich­tung des Bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen dar. Ände­run­gen der indi­vi­du­el­len Unter­halts­last berüh­ren indes das Sys­tem der steu­er­li­chen Ent­las­tung des Unter­halts­pflich­ti­gen im Wege gene­ra­li­sier­ter Frei­be­trä­ge nicht, solan­ge die­se das Kin­des­exis­tenz­mi­ni­mum ange­mes­sen abde­cken, was im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht in Zwei­fel gezo­gen wor­den ist.

Ein Ver­stoß gegen die aus Art. 3 Abs. 1 GG fol­gen­den Gren­zen gesetz­li­cher Rege­lungs­be­fug­nis lässt sich nicht fest­stel­len. Die steu­er­li­che Ent­las­tung kin­des­be­ding­ter Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit der von § 1612b Abs. 5 BGB betrof­fe­nen Steu­er­pflich­ti­gen erfolgt nach den­sel­ben Bestim­mun­gen wie die­je­ni­ge ande­rer Unter­halts­pflich­ti­ger. Die durch die­se Vor­schrift bewirk­ten finan­zi­el­len Ein­schrän­kun­gen Betrof­fe­ner sind Kon­se­quenz ihrer gerin­ge­ren Leis­tungs­fä­hig­keit. Nicht ersicht­lich ist, inwie­fern dar­aus eine Ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers fol­gen könn­te, für die­sen Per­so­nen­kreis zur Wah­rung des Gleich­heits­sat­zes beson­de­re, von den all­ge­mei­nen Bestim­mun­gen des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs abwei­chen­de Rege­lun­gen zu schaf­fen.

Pas­sau emp­fahl, das Urteil zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf die DANSEF Deut­sche Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung  für Erb- und Fami­li­en­recht e. V —  www.dansef.de — ver­wies.

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