(Stutt­gart) Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat­te soeben einen Fall zu ent­schei­den, wo Ehe­gat­ten in einem gemein­schaft­li­chen Ehe­gat­ten­test­amt ihr gemein­sa­mes Kind zum Schluss­erben des Längst­le­ben­den bestimmt hat­ten, nach dem Tode eines Ehe­gat­ten der Über­le­ben­de jedoch einen Groß­teil des Ver­mö­gens an einen Drit­ten ver­schenkt und so das Erbe ver­min­dert hat.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Erbrecht Micha­el Henn, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e.V., mit dem Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm vom 18.10.2017 zu sei­nem Urteil vom 12.09.2017 (Az. 10 U 75/16 OLG Hamm).

  • Die Fra­ge war nun hier:

Kann das erben­de Kind von dem Drit­ten die Geschen­ke nach dem Tode des über­le­ben­den Eltern­teils her­aus­ver­lan­gen, was das OLG Hamm wie folgt ent­schie­den hat:

Beein­träch­tigt der über­le­ben­de Ehe­gat­te die Erber­war­tung eines in einem gemein­schaft­li­chen Ehe­gat­ten­tes­ta­ment ver­bind­lich ein­ge­setz­ten Schluss­erben durch Schen­kun­gen an einen Drit­ten, kann der Drit­te nach dem Tod des zuletzt ver­stor­be­nen Ehe­gat­ten zur Her­aus­ga­be an den Schluss­erben ver­pflich­tet sein, wenn der Erb­las­ser kein aner­ken­nens­wer­tes leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se an der Zuwen­dung hat­te.

  • Zum Fall:

Der heu­te 71 Jah­re alte Klä­ger aus Gevels­berg ist Erbe sei­nes im Jah­re 2014 im Alter von 97 Jah­ren ver­stor­be­nen Vaters und Erb­las­sers. Die­ser und die im Jah­re 2005 im Alter von 84 Jah­ren ver­stor­be­ne Mut­ter des Klä­gers hat­ten die­sen in einem im Jah­re 1961 errich­te­ten und im Jah­re 2000 geän­der­ten gemein­schaft­li­chen Tes­ta­ment zum Schluss­erben des längst­le­ben­den Ehe­gat­ten ein­ge­setzt.

Nach dem Tode der Mut­ter lern­te der Vater die heu­te 78 Jah­re alte Beklag­te ken­nen, mit der er seit 2010 in einem Haus­halt zusam­men­leb­te. Auf Wunsch des Vaters ver­ein­bar­te der Klä­ger mit der Beklag­ten im Jah­re 2010 ein lebens­lan­ges Wohn­recht an einer im Eigen­tum des Klä­gers ste­hen­den Woh­nung unter der Bedin­gung, dass die Beklag­te den Vater bis zu des­sen Tode oder bis zu einer Heim­auf­nah­me pfle­ge und in Bezug auf das von ihr und dem Vater bewohn­te Haus kei­ne Besitz­an­sprü­che stel­le.

In der Fol­ge­zeit über­trug der Vater der Beklag­ten ver­schie­de­ne Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de (u.a. Fonds­be­tei­li­gun­gen, Schuld­ver­schrei­bun­gen Genuss­rech­te, Lebens­ver­si­che­run­gen) im Wert von ca. 222.000 Euro. Aus die­sen erhielt die Beklag­te Divi­den­den in Höhe von ca. 23.500 Euro. Durch Bar­ab­he­bun­gen erlang­te die Beklag­te wei­te­re 50.000 Euro aus dem Ver­mö­gen des Erb­las­sers.

Im zu ent­schei­den­den Rechts­streit hat der Klä­ger von der Beklag­ten die Her­aus­ga­be der genann­ten Ver­mö­gens­wer­te ver­langt und gemeint, die Zuwen­dun­gen sei­en als sein Erb­teil beein­träch­ti­gen­de Schen­kun­gen rück­ab­zu­wi­ckeln. Die Beklag­te hat eine Beein­träch­ti­gungs­ab­sicht des Erb­las­sers bestrit­ten und behaup­tet, die­ser habe ihr die Ver­mö­gens­wer­te aus Dank­bar­keit für und zur Sicher­stel­lung wei­te­rer inten­si­ver Pfle­ge über­tra­gen. Den Erb­las­ser habe sie seit ihrem Ein­zug in des­sen Woh­nung inten­siv — qua­si 24 Stun­den am Tag — gepflegt und betreut.

Die Kla­ge hat­te Erfolg. Der 10. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Hamm hat die Beklag­te zur Über­tra­gung der ihr zuge­wand­ten Ver­mö­gens­wer­te und zur Rück­zah­lung der von ihr erlang­ten Gel­der ver­ur­teilt. Der Erb­las­ser habe der Beklag­ten die Ver­mö­gens­wer­te geschenkt, so der Senat. Die­se Schen­kun­gen hät­ten die Erber­war­tung des Klä­gers beein­träch­tigt und sei­en nicht durch ein — eine Benach­tei­li­gungs­ab­sicht aus­schlie­ßen­des — aner­ken­nens­wer­tes leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se des Vaters ver­an­lasst gewe­sen.

Nach dem Tode der Mut­ter habe der Vater die Ein­set­zung des Klä­gers als Schluss­erbe beach­ten müs­sen. Die Erbein­set­zung beru­he auf einer wech­sel­be­züg­li­chen Ver­fü­gung bei­der Ehe­gat­ten, an die der Über­le­ben­de nach dem Tode des erst­versterben­den Ehe­gat­ten gebun­den sei.

Die in Fra­ge ste­hen­den Zuwen­dun­gen habe die Beklag­te als Schen­kun­gen erhal­ten. Dass sie als Gegen­leis­tung für die erbrach­ten oder erwar­te­ten Pfle­ge­leis­tun­gen ver­trag­lich ver­ein­bart gewe­sen sei­en, habe die Beklag­te nicht schlüs­sig vor­ge­tra­gen.

Der Erb­las­ser habe bei der Schen­kung auch mit Benach­tei­li­gungs­ab­sicht gehan­delt. Ori­en­tiert am Schutz­zweck des Geset­zes sei­en an das Vor­lie­gen der Benach­tei­li­gungs­ab­sicht zunächst nur gerin­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len. Die Beein­träch­ti­gung des Ver­trags­er­ben müs­se nicht das ein­zi­ge oder lei­ten­de Motiv für die Schen­kung gewe­sen sein. Es genü­ge viel­mehr, dass der Erb­las­ser wis­se, dass er durch die unent­gelt­li­che Zuwen­dung das Erbe schmä­le­re.

Zur Fest­stel­lung einer Benach­tei­li­gungs­ab­sicht sei aller­dings durch eine Abwä­gung der betei­lig­ten Inter­es­sen zu prü­fen, ob der Erb­las­ser ein aner­ken­nens­wer­tes leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se an der Zuwen­dung habe. Nur in die­sem Fall müs­se der Erbe die sei­ne Erber­war­tung beein­träch­ti­gen­de Zuwen­dung hin­neh­men. Ein der­ar­ti­ges Eigen­in­ter­es­se kön­ne zwar vor­lie­gen, wenn ein Erb­las­ser mit einer Schen­kung sei­ne Alters­vor­sor­ge und Pfle­ge sichern wol­le.

Im zu beur­tei­len­den Fall habe die Beklag­te aller­dings ein dies­be­züg­li­ches, aner­ken­nens­wer­tes leb­zei­ti­ges Eigen­in­ter­es­se des Erb­las­sers nicht schlüs­sig dar­le­gen kön­nen. Unter Berück­sich­ti­gung der Divi­den­den gehe es um Schen­kun­gen im Wert von ca. 250.000 Euro an die Beklag­te, die den Nach­lass weit­ge­hend wert­los gemacht hät­ten. Dem stün­den behaup­te­te Pfle­ge- und Haus­halts­leis­tun­gen über einen Zeit­raum von ca. vier Jah­ren gegen­über, wobei zu berück­sich­ti­gen sei, dass die Beklag­te wäh­rend die­ser Zeit ohne­hin in vol­lem Umfang freie Kost und Logis vom Erb­las­ser erhal­ten habe sowie auf Kos­ten des Erb­las­sers mit ihm gemein­sam gereist sei. Außer­dem habe ihr der Klä­ger für die Zeit nach dem Tode des Erb­las­sers ein Wohn­recht zuge­sagt. Vor die­sem Hin­ter­grund recht­fer­tig­ten die von der Beklag­ten behaup­te­ten Pfle­ge- und Haus­halts­leis­tun­gen die infra­ge ste­hen­den Schen­kun­gen nicht.

Zudem habe die Beklag­te dem Klä­ger die ver­ein­nahm­ten Divi­den­den sowie die Bar­ab­he­bun­gen zu erstat­ten. Dass sie die­se Beträ­ge dem Erb­las­ser aus­ge­hän­digt oder in sei­nem Sin­ne aus­ge­ge­ben habe, sei von der Beklag­ten nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­tan wor­den.

Henn riet, das zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. auch auf die Anwälte/ — innen in der DANSEF Deut­sche Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V., — www.dansef.de — ver­wies.

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