(Stutt­gart) Eigen­hän­dig ge- und unter­schrie­be­ne Schrift­stü­cke kön­nen Tes­ta­men­te sein, auch wenn die sie ver­fas­sen­de Erb­las­se­rin die Schrift­stü­cke nicht mit “Tes­ta­ment” oder “mein letz­ter Wil­le”, son­dern mit einer ande­ren Bezeich­nung wie z.B. “Voll­macht” über­schrie­ben hat.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Erbrecht Micha­el Henn, Vize­prä­si­dent der Deut­schen Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e.V., mit dem Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm vom 17.01.2018 zu sei­nem Urteil vom 11.05.2017 (Az. 10 U 64/16 OLG Hamm).

Die Klä­ge­rin aus Köln ist die Nich­te der Beklag­ten aus Salz­kot­ten. Die Beklag­te, die Mut­ter der Klä­ge­rin und die im Juni 2014 im Alter von 64 Jah­ren ver­stor­be­ne Erb­las­se­rin sind bzw. waren Schwes­tern. In einem als “Tes­ta­ment” über­schrie­be­nen Schrift­stück bestimm­te die Erb­las­se­rin im Juni 2013, dass sie ihren Schwes­tern nach ihrem Tode das Eltern­haus in Pader­born je zur Hälf­te über­tra­ge.

In zwei weni­ge Tage spä­ter im Juni 2013 datier­ten und mit “Voll­macht” über­schrie­be­nen Schrift­stü­cken erteil­te die Erb­las­se­rin der Klä­ge­rin Voll­macht,

über mei­nen Bau­spar­ver­trag bei der … Bau­spar­kas­se über mei­nen Tod hin­aus, zu ver­fü­gen und sich das Gut­ha­ben aus­zah­len zu las­sen” und

über sämt­li­ches Ver­mö­gen, wel­ches bei der Volks­bank … auf mei­nem Giro­kon­to und Erspar­nis­sen (Spar­buch, Geld­an­la­gen) besteht, über mei­nen Tod hin­aus, zu ver­fü­gen”.

Beim Tode der Erb­las­se­rin belief sich das Gut­ha­ben auf den Kon­ten bei der Volks­bank und auf dem Bau­spar­ver­trag auf zusam­men ca. 63.400 Euro.

Zwi­schen den Betei­lig­ten ist unstrei­tig, dass die Erb­las­se­rin die Beklag­te und die Mut­ter der Klä­ge­rin in dem als “Tes­ta­ment” über­schrie­be­nen Schrift­stück zu hälf­ti­gen Mit­er­ben bestimmt hat, weil das Haus­grund­stück in Pader­born das wesent­li­che Ver­mö­gen der Erb­las­se­rin dar­stell­te. Einen ent­spre­chen­den Erb­schein stell­te das Nach­lass­ge­richt im Okto­ber 2014 aus.

Umstrit­ten ist zwi­schen den Betei­lig­ten, ob die wei­te­ren Schrift­stü­cke der Erb­las­se­rin aus dem Juni 2013 eben­falls tes­ta­men­ta­ri­sche Anord­nun­gen beinhal­ten. Die Klä­ge­rin hat gemeint, die Erb­las­se­rin habe ihr die Gut­ha­ben als Ver­mächt­nis­se zuge­wandt, bei den bei­den Schrift­stü­cken han­de­le es sich nicht um blo­ße Voll­mach­ten, son­dern um Tes­ta­men­te. Wäh­rend die Mut­ter der Klä­ge­rin ihren Ver­mächt­nis­an­spruch aner­kannt und der Klä­ge­rin ca. 31.700 Euro aus­ge­zahlt hat, hat die Beklag­te eine Zah­lung ver­wei­gert und die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Erb­las­se­rin habe der Klä­ge­rin ledig­lich Voll­mach­ten erteilt und ihr kei­ne Ver­mächt­nis­se zuge­wandt.

Die von der Klä­ge­rin gegen die Beklag­te auf Erfül­lung des Ver­mächt­nis­ses gerich­te­te Kla­ge war erfolg­reich. Die Erb­las­se­rin habe der Klä­ge­rin ihre Gut­ha­ben bei der Volks­bank und der Bau­spar­kas­se im Rah­men von Ver­mächt­nis­sen zuge­wie­sen, so der Senat. Die bei­den mit “Voll­macht” über­schrie­be­nen Schrift­stü­cke der Erb­las­se­rin stell­ten rechts­wirk­sam errich­te­te pri­vat­schrift­li­che Tes­ta­men­te dar. Sie sei­en von der Erb­las­se­rin eigen­hän­dig geschrie­ben und unter­schrie­ben wor­den und erfüll­ten so die for­ma­len gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an ein pri­vat­schrift­li­ches Tes­ta­ment.

Dass sie mit “Tes­ta­ment” oder “mein letz­ter Wil­le” über­schrie­ben sei­en, sei nicht erfor­der­lich, weil sie auf einem ernst­li­chen Tes­tier­wil­len beruh­ten. Die Erb­las­se­rin habe sie als rechts­ver­bind­li­che letzt­wil­li­ge Ver­fü­gung ange­se­hen und der Klä­ge­rin nicht ledig­lich eine Ver­fü­gungs­be­fug­nis ertei­len wol­len. Hier­von sei nach der durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me aus­zu­ge­hen.

Zwar habe die Erb­las­se­rin die Schrift­stü­cke mit “Voll­macht” über­schrie­ben. Sie habe die Schrift­stü­cke aber nicht bei den genann­ten Ban­ken ver­wahrt, son­dern gemein­sam mit dem weni­ge Tage zuvor errich­te­ten Tes­ta­ment in ihrer Woh­nung hin­ter­legt. Ihr Ein­satz im Rechts­ver­kehr sei aus Sicht der Erb­las­se­rin auch nicht not­wen­dig gewe­sen, nach­dem sie ihrer Schwes­ter, der Mut­ter der Klä­ge­rin, bereits post­mor­ta­le Voll­mach­ten für die Bank­kon­ten erteilt habe. Die Mut­ter der Klä­ge­rin habe als Zeu­gin zudem glaub­haft bekun­det, dass die Erb­las­se­rin sie und nicht (auch) die Klä­ge­rin als ihre Bevoll­mäch­tig­te ange­se­hen habe.

Dass die Erb­las­se­rin die bei­den Schrift­stü­cke nicht als “Tes­ta­ment” und auch nicht als ihren “letz­ten Wil­len” bezeich­net habe, spre­che nicht ent­schei­dend gegen ihren Tes­tier­wil­len. Auch der Text ihres zuvor errich­te­ten Tes­ta­ments las­se erken­nen, dass sich die Erb­las­se­rin mit den übli­chen For­mu­lie­run­gen letzt­wil­li­ger Ver­fü­gun­gen nicht aus­ge­kannt habe.

Vor die­sem Hin­ter­grund sei­en die bei­den Schrift­stü­cke so auf­zu­fas­sen, dass die Erb­las­se­rin der Klä­ge­rin ihre auf den Kon­ten bestehen­den Gut­ha­ben als Ver­mächt­nis­se habe zuwen­den wol­len. Dabei habe sie man­gels juris­ti­scher Bera­tung gemeint, dies gesche­he bei den For­de­run­gen gegen eine Bank dadurch, dass sie post­mor­ta­le Voll­mach­ten aus­stel­le. Die For­mu­lie­run­gen in dem Text, die Klä­ge­rin sol­le sich die Gut­ha­ben aus­zah­len las­sen, spre­che für eine Zuwen­dung, so auch die For­mu­lie­rung, dass sie die Zuwen­dung behal­ten sol­le. In die­sem Sin­ne habe die Erb­las­se­rin — das habe die Beweis­auf­nah­me bestä­tigt — auch das Schrift­stück auf­ge­fasst, in dem nicht zusätz­lich erwähnt sei, dass sich die Klä­ge­rin das Gut­ha­ben aus­zah­len las­sen kön­ne.

Henn riet, das zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. auch auf die Anwälte/ — innen in der DANSEF Deut­sche Anwalts‑, Notar- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für Erb- und Fami­li­en­recht e. V., — www.dansef.de — ver­wies.

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